Es gibt ein neues Buch zum Grundeinkommen.

Wahrlich keine Sensationsmeldung in einer Zeit, da Publikationen zu diesem Thema im Wochentakt erscheinen. Doch dieses Buch ist anders. Ganz anders. Es gibt sich nicht mit Finanzierungs- und Modelldebatten ab. Das Buch gibt Rückblick aus einer Zukunft, in der das Grundeinkommen alltägliche Selbstverständlichkeit ist.

Daniel Weißbrodt schrieb einen „Kurzen Abriss der deutschen Geschichte 2022-2050“ mit dem Untertitel „Wie das bedingungslose Grundeinkommen unser Leben und die Gesellschaft verändert hat“. Das Buch gibt Antwort auf die Frage, die Harald Welzer einst berühmt machte: „Wer werde ich gewesen sein? Das hilft: Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Futur zwei plötzlich interessant und attraktiv.“[i] Und das von Daniel Weißbrodt beschriebene Futur II hat es in sich. Es ist eine komplexe neue Lebensrealität. Wer von dem Buch erwartet hat, mehr über das Grundeinkommen zu erfahren, wird entweder schwer enttäuscht oder schwer begeistert sein. Denn vieles scheint auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun zu haben. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar – und das macht den besonderen Wert dieses Buches aus – dass alles mit allem zusammenhängt, und dass die Einführung des BGE in alle Bereiche des Lebens hineinwirken wird. Gern bekennen BGE-Befürworter: „Das Grundeinkommen löst nicht all unsere Probleme.“, und betrachten diese Aussage als Relativierung ihrer Euphorie und als Entgegenkommen an die Diskussions­gegner. Dieses Buch aber sagt: Mag sein, dass das BGE nicht alle Probleme der Gesellschaft löst, aber es hilft sie zu lösen. Um dies zu illustrieren spannt Weißbrodt den Bogen vom Klimaschutz über Ökonomie und Finanzmärkte, Außen- und Sicherheitspolitik, Urbanisierung, Städtebau und Verkehr bis hin zu ökologischem Landbau und Biodiversität.

Dazu werden im ersten Drittel des Buches Szenarien entworfen, die zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen. Die erscheinen im Ganzen etwas katastrophenlastig, vielleicht wird es aber nur von mir so empfunden, weil ich der Flut dystopischer Schriften langsam überdrüssig werde. Wie auch immer, sie sind nicht unglaubwürdig, diese Dystopien. Deren Ausgangspunkt ist das alte, zum Zeitpunkt der Handlung weitgehend überwundene, Verständnis von Wirtschaft. Sehr eingängig beschreibt Daniel Weißbrodt dieses Verständnis:

Statt des Wohls der Menschen fordert sie [die Wirtschafts­wissenschaft] das Wohlergehen der Wirtschaft. Sie ist es, die ihr als schutzbedürftig und zerbrechlich gilt, und die es zu fördern gelte, damit die schwache und lahmende Wirtschaft gesunde, dass sie sich erhole, wachse und gedeihe. Ihre Begriffe, mit der sie sie beschreibt, sind der menschlichen Sphäre entliehen, die für den Menschen hingegen der der Wirtschaft. Flexibel sollen sie sein und produktiv, effektiv und anpassungsfähig. Die Herrschaft der Ökonomie über den Menschen, sie ist die ihr selbstverständliche Grundannahme, auf der all ihre Überlegungen beruhen.

Ergebnis dieses Verständnisses ist das, wovor immer gewarnt wurde. Das Buch beschreibt ein Jahrzehnt der Katastrophen. 2022 beginnt eine dramatische Eisschmelze in der Antarktis, 2024 kommt es zum Supergau im französischen Kernkraftwerk Flamanville. Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel führen 2025 zu globalen Ernteausfällen, verbunden mit Preisexplosionen, Hungersnöten und Flüchtlings­strömen. Ein zwischen Moldawien und Transnistrien bestehender Regionalkonflikt weitet sich 2027 zu einem Krieg aus, in den sich Rumänien und Russland hineinziehen lassen und der 20.000 Tote fordert. Die Verbreitung von Mikroplastik in den Weltmeeren führt zu gesundheitlichen Problemen, die den Fortbestand der Spezies Mensch in Frage stellen.

Nach all den dystopischen Bildern folgt eine schöne Utopie: Deutschland wird weltweit Vorreiter beim Umbau der Gesellschaft, beginnend mit einem Umdenken in der Ökonomie. Um dies aber gerade nicht als Utopie erscheinen zu lassen, bemüht sich der Autor vehement darum, die Szenarien glaubwürdig, weil machbar zu beschreiben, und ich könnte mir vorstellen, dass mancher Leser nach dieser Lektüre zugeben wird, wirtschaftliche Zusammenhänge zum ersten Mal verstanden zu haben. Die zunehmenden ökonomischen und ökologischen Probleme führen zu politischen Veränderungen, und ein neuer Bundeskanzler setzt 2032 die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens durch. Dies läuft natürlich nicht reibungslos ab. Dem „wunderbaren Jahr der Freiheit“ folgt „Das große Chaos“, eine Revolte der Staatsdiener, ein Börsencrash und Probleme beim Umgang mit Migranten. Doch am Ende findet alles in die richtigen Gleise.

Angenehm empfand ich, dass die in der BGE-Debatte dominierende Modelldiskussion gar nicht erst aufgegriffen wurde. Weißbrodt beschreibt ein Modell, das in sechsmonatiger Arbeit von einer Regierungskommission erarbeitet wurde.

Eine überwiegende Mehrheit der Deutschen beurteilt das neue System als gerecht und betrachtet die Vereinfachungen und die hohe Transparenz als eine große Erleichterung. Dass allein auf Konsum, Einkommen und Gewinn Steuern erhoben werden, begrüßen mehr als neunzig Prozent der Befragten. In dem wechselseitigen System aus Geben und Nehmen, in dem niemand leer ausgeht und kein Mensch mehr von Armut bedroht ist, haben die Deutschen – wer hätte das gedacht? – ihren Frieden gemacht mit ihrem Erbfeind, mit dem Finanzamt.

Trotz des radikalen Szenarios, das einen extrem harten Systemschnitt schildert (z.B. 90% Steuersatz), kann ich keinen prinzipiellen Denkfehler darin entdecken. Ich würde unterschreiben, dass alles tatsächlich so oder so ähnlich ablaufen könnte. Kühne Thesen, beispielsweise zur Entwicklung der Finanzmärkte mit totalem Bedeutungsverlust der Börse, rechtfertigt der Autor mit grundsätzlichen Überlegungen, die auch in der aktuellen Debatte stärker berücksichtigt werden sollten.

Ein Unternehmen braucht keine hohen Gewinne. Es hat keine Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen, außer denen, den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten und alle Kosten zu decken, die für Produktion und Investitionen nötig sind, sowie den Investoren ihre Einlagen zu vergüten.

An dieser Stelle kann nicht auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingegangen werden, die in dem Buch beleuchtet werden. Wie schon eingangs gesagt, ist alles mit allem verwoben, und es ist dem Autor ein besonderes Anliegen, diese Zusammenhänge darzustellen. Besondere Freude bereiten die Schilderungen des Lebensalltags unter den Bedingungen des BGE. Davon hätte ich persönlich mir mehr gewünscht.

Da ist die Büroangestellte, die sich plötzlich traut, ihrem Chef zu sagen, dass sie künftig keine wissenschaftlichen Aufsätze mehr schreiben wird, unter denen dann sein Name steht.

Da ist die Unternehmerin, die sich ihren Traum erfüllen kann, einen verschleißarmen, sparsamen Drucker zu entwickeln und zu produzieren.

Da ist der Bäckermeister, der plötzlich in die Lage versetzt wird, dem Preisdruck der Großbäckereien Paroli zu bieten.

Besonders beeindruckend wird die Entwicklung des ländlichen Raumes dargestellt. Da ist die Gemeinde Naubitz, die – gleich dem Kampf David gegen Goliath – sich der Agrarindustrie entgegenstellt, und vor Gericht durchsetzt, dass die Emissionen von Pflanzenschutz- und Düngemitteln, die auch die ökologisch bewirtschafteten Flächen kontaminieren, vermieden werden müssen. In der Folge erfährt der ökologische Landbau ungeheuren Aufschwung, viele der Grundeinkommensbezieher finden darin jetzt Sinn und Betätigung. Der bereits entvölkerte ländliche Raum blüht auf, wird wieder zu einem lebenswerten Ort.

Somit ist die zentrale Botschaft dieses Buches: Grundeinkommen ist ein Menschenrecht, und „die Ausweitung von Menschenrechten hatte nie zu Chaos und Niedergang geführt, sondern ganz im Gegenteil in jedem Fall und immer wieder zu einer Entschärfung von sozialen Spannungen und gesellschaftlichen Konflikten, zu einem friedlicheren Miteinander und wirtschaftlicher Prosperität.

Dass die zentrale Frage, ob der Mensch  für das erforderliche Umdenken bereit und in der Lage ist, auch Daniel Weißbrodt nur in gutem Glauben beantworten kann, versteht sich von selbst. Den in seinem Szenario stattfindenden Werte- und Bewusstseinswandel finden wir heute nur in kleinen Ansätzen paralleler Gesellschaften, »aus der kranken Logik des Imperiums herausgesprengten Gegenwelten«, wie es Konstantin Wecker und Prinz Chaos so wortgewaltig benannten.[ii] Jedoch, behielte Marx recht mit seiner Annahme, das Sein bestimme das Bewusstsein, dann bestünde sehr wohl die Chance, dass die Menschen in einem von Existenzängsten befreiten Alltag diesen Wandel vollziehen.

Das Grundeinkommen gibt uns die Möglichkeit, wir selbst zu sein. Im Grunde brauchen Menschen nicht viel. Genügend zu essen, ein Dach über dem Kopf und eine Tätigkeit, mit der sie ihre unmittelbare Umgebung gestalten und sich ihrer Existenz immer wieder versichern können. Zusammen mit der Aussicht, auch in Zukunft darauf vertrauen zu können, all das nicht entbehren zu müssen, sind das gute Voraussetzungen für ein gelingendes, glückliches Leben.

Dass bei weitem nicht alle Menschen diesen Bewusstseinswandel vollziehen werden, vor allem nicht in solch kurzer Zeit, das ist auch Weißbrodt klar. Am Ende des Buches beschreibt er deshalb, wie sich die Gesellschaft in verschiedene Milieubereiche aufteilt: Ein postmodernes Milieu, das von einer „aufstiegsorientierten und hedonistischen Konsum- und Stilavantgarde“ dominiert ist, ein Milieu der Moderne, in dem Realismus und Nützlichkeitsdenken im Vordergrund stehen,  und ein vormodernes Milieu. Letzteres konnte sich nur unter den Bedingungen des BGE entwickeln. „In ihm finden sich die in den vielen kleinen landwirtschaftlichen Betrieben Arbeitenden, Handwerkerinnen und Handwerker aller Couleur, Künstlerinnen und Künstler, aber auch viele andere, die einem hohen Leistungsdruck und einer hohen Lebens- und Arbeitsbeschleunigung nur wenig abgewinnen können, und die sich – auf Dauer oder für eine gewisse Zeit – bewusst für eine entschleunigtere Lebensweise entschieden haben.

Dies ist eine der wichtigsten und eindrucksvollsten Visionen des Buches, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen auf Augenhöhe begegnen können, dass keiner von ihnen stigmatisiert ist, weil er dem herrschenden Ethos nicht entspricht.

In einer solchen Gesellschaft wäre die Würde des Menschen wirklich unantastbar: weil er selbst sie sich verleiht.


Daniel Weißbrodt
„Kurzer Abriss der deutschen Geschichte 2022-2050. Wie das bedingungslose Grund­ein­kommen unser Leben und die Gesellschaft verändert hat“.
Leipzig: Engelsdorfer Verlag 2019


[i] Harald Welzer: „Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand“ Frankfurt: S. Fischer 2013
[ii] Konstantin Wecker, Prinz Chaos „Aufruf zur Revolte“ Gütersloher Verlagshaus 2013