Zur Aktualität der Gedanken von Erich Fromm

Obwohl das Thema Grundeinkommen zu keiner Zeit so intensiv diskutiert wurde wie heute, werden die damit verbundenen psychologischen Aspekte kaum betrachtet, und wenn, dann meistens nur so aus dem Bauch heraus. Bereits 1966 hat Erich Fromm seine Gedanken dazu formuliert in dem Aufsatz „Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle“. Wer den Text zur Hand nimmt, wird feststellen, dass er von beeindruckender Aktualität ist; die Formulierungen lassen sich größtenteils 1:1 in die heutige Argumentation übernehmen.

Foto: Müller-May / Rainer Funk / CC BY-SA 3.0 (DE)

Zunächst zur Begrifflichkeit: Erich Fromm verwendet die Bezeichnung „garantiertes Einkommen“. Dass er damit unseren Vorstellungen vom Bedingungslosen Grundeinkommen sehr nahe kommt, zeigen seine Darlegungen im später erschienenen Hauptwerk „Haben oder Sein“.  Die zwei Seiten, die er dort dem Thema widmet, gelten noch heute als richtungweisend.

Doch nun zu dem Aufsatz. Als Philosoph und Psychoanalytiker weiß Fromm genau, wo er ansetzen muss: bei der Stammesgeschichte des Menschen. Die war stets von Mangel geprägt, und der stete Kampf gegen  diesen Mangel hat die Psyche der Menschen geformt. Daraus erwächst in heutiger Zeit ein Widerspruch:

Der Übergang von einer Psychologie des Mangels zu einer des Überflusses bedeutet einen der wichtigsten Schritte in der menschlichen Entwicklung. Eine Psychologie des Mangels erzeugt Angst, Neid und Egoismus (was man auf der ganzen Welt am intensivsten in Bauernkulturen beobachten kann). Eine Psychologie des Überflusses erzeugt Initiative, Glauben an das Leben und Solidarität. Tatsache ist jedoch, dass die meisten Menschen psychologisch immer noch in den ökonomischen Bedingungen des Mangels befangen sind, während die industrialisierte Welt im Begriff ist, in ein neues Zeitalter des ökonomischen Überflusses einzutreten. Aber wegen dieser psychologischen „Phasenverschiebung“ sind viele Menschen nicht einmal imstande, neue Ideen wie die eines garantierten Einkommens zu begreifen, denn traditionelle Ideen werden gewöhnlich von Gefühlen bestimmt, die ihren Ursprung in früheren Gesellschaftsformen haben.

An dieser Analyse hat sich in den letzten 50 Jahren nichts geändert. Wie könnte es auch? Um die über Jahrtausende mainifestierten Denkmuster zu überwinden, wird es Generationen brauchen. Einer der Hauptvorbehalte gegenüber dem Grundeinkommen – „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – hat sich über alle Zeitalter und Gesellschaftsformen erhalten. Erich Fromm sieht deshalb die Chance, daran etwas zu ändern, nur in anhaltendem wirtschaftlichem Überfluss, trotz aller damit verbundenen Probleme.

So wie in der heutigen Debatte, ist auch für Fromm die Frage der Arbeitsmotivation von herausragender Bedeutung. Diese lässt sich nicht auf materielle Anreize reduzieren; der arbeitende Mensch wird auch von anderen Dingen motiviert, „vor allem vom Interesse an seiner Arbeit, vom Stolz auf die eigene Leistung und dem Streben nach Anerkennung.“ Zu einer Zeit, die noch ungleich stärker durch elitäres Denken geprägt war, stellt Fromm klar, dass dies nicht nur für die Intellektuellen und Künstler zutrifft. Damit tritt er dem Einwand entgegen, diese Motive seien „keine typischen Beispiele für die Reaktion des Durchschnittsmenschen“.

„Mir scheint dieser Einwand jedoch nicht stichhaltig, wenn wir uns die Antriebe zur Aktivität bei Menschen näher ansehen, welche diese Eigenschaften des außergewöhnlichen, kreativen Menschen nicht besitzen. Welche Anstrengungen werden im Bereich des Sports und vieler Hobbys aufgeboten, wo keinerlei materielle Anreize gegeben sind.“

Aus der empirischen Forschung wusste Erich Fromm:

dass der Mensch unter den Folgen von Untätigkeit leidet und eben gerade nicht von Natur aus träge ist. Sicher würden viele Leute gerne für ein oder zwei Monate nicht arbeiten. Die allermeisten würden aber dringend darum bitten, arbeiten zu dürfen, selbst wenn sie nichts dafür bezahlt bekämen.

Als nächstes wird die Frage aufgeworfen, ob das garantierte Einkommen den Menschen freier macht. Die Antwort ist interessant; nach Fromms Meinung „würde das garantierte Einkommen die Freiheit der Mehrheit, jedoch nicht die Freiheit der oberen Schichten vergrößern.“ Seine Begründung führt zum wichtigsten Aspekt: Die Logik der Industriegesellschaft hat den Konsum ins Zentrum aller menschlichen Bestrebungen gerückt.

Die Industriegesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts hat diesen neuen psychologischen Typ, den homo consumens, in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen geschaffen, d.h. um des notwendigen Massenkonsums willen, der durch die Werbung stimuliert und manipuliert wird. Aber der einmal geschaffene Charaktertyp beeinflusst seinerseits wieder die Wirtschaft und lässt das Prinzip der ständig zunehmenden Befriedigung vernünftig und realistisch erscheinen.

Weil das so ist, sieht Fromm die Überflussgesellschaft, also die Voraussetzung für das garantierte Einkommen, in Gefahr. Es kann nämlich keinen echten Überfluss geben, wenn die Gier nach Konsum stetig wächst. „Der Gierige wird immer Mangel leiden“, deshalb würde ihm das Grundeinkommen nichts bringen, im Gegenteil, er würde Einschränkungen des unbegrenzten Konsums befürchten.

Aus diesen Gründen glaube ich, dass das garantierte Einkommen nur gewisse (wirtschaftliche und soziale) Probleme lösen würde, dass es aber nicht die erwünschte radikale Wirkung hätte, wenn wir nicht gleichzeitig das Prinzip des maximalen Konsums aufgeben.

Dies führt ihn zu der Notwendigkeit, zwischen „guten und schlechten Bedürfnissen“ zu unterscheiden, und damit zu der Frage: „Wo liegt die untere Grenze der legitimen Bedürfnisse eines Menschen?“ – Hier stoßen wir an die heutigen Grenzen der Verhandlungsbereitschaft. Was bis in die achtziger Jahre von Größen wie Marcuse, Illich oder Habermas noch offen diskutiert wurde, hat der Neoliberalismus erfolgreich in die Tabuzone gedrängt. Wenn wir diese nicht verlassen können und moralische Aspekte nicht wieder zum Thema der gesellschaftlichen Debatte machen dürfen, wird es vermutlich auch nicht gelingen, das System des maximalen Konsums in ein System des optimalen Konsums umzugestalten.

Ein solcher Übergang vom maximalen zum optimalen Konsum würde drastische Veränderungen in den Produktionsmustern und außerdem eine radikale Verminderung der Werbung, die mittels Gehirnwäsche unsere Gier immer weiter treibt, erforderlich machen. […] Es müsste zu einer Renaissance der humanistischen Werte des Lebens, der Produktivität, des Individualismus usw. kommen, die den Materialismus des Organisationsmenschen, der so manipuliert wird, dass er wie ein Ameisenhaufen funktioniert, überwindet.

Diese Entwicklung wird sich nicht ohne staatliche Intervention vollziehen lassen. Erich Fromm sieht daher unser Verständnis von Freiheit berührt, hofft aber zugleich, die erforderlichen Eingriffe des Staates würden nicht als Beschneidung der Freiheit empfunden, wenn wir „Freiheit als echte Unabhängigkeit erleben und nicht als unbegrenzte Möglichkeit, unter den Konsumgütern zu wählen“.

Schließlich formuliert Fromm die Idee, dass ein garantiertes Einkommen kein Geldbetrag sein muss, sondern dass man die Waren des Grundbedarfes, d.h. „alles zum Leben Notwendige – im Sinne eines festgelegten Minimums – kostenlos bekäme, anstatt es bar zahlen zu müssen.“ Dieser Ansatz scheint mir weder durchführbar noch erstrebenswert, würde er doch voraussetzen, dass alle Menschen das gleiche Verständnis davon haben, was zum Leben notwendig ist. Die psychologischen Aspekte, die Fromm auf diese Idee bringen, sind aber durchaus interessant.

Ein solcher kostenloser Konsum würde meiner Meinung nach eine neue Dimension im menschlichen Leben schaffen […] Der Mensch würde sich dann von dem Grundsatz befreit fühlen: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Sogar schon Anfänge dieses freien Konsums könnten ein ganz neues Erlebnis der Freiheit bedeuten.

Vor allem dann, wenn der freie Konsum keine Waren betrifft, sondern die öffentlichen Infrastrukturen und Dienstleistungen, wäre die Idee durchaus praktikabel.

Man kann nachweisen, dass die Gier des homo consumens sich hauptsächlich auf den individuellen Konsum von Dingen bezieht, […] während die Benutzung kostenloser öffentlicher Einrichtungen, die dem einzelnen die Möglichkeit bieten, sich seines Lebens zu freuen, keine Gier und Unersättlichkeit erzeugt.

Abschließend sei noch auf eine Gefahr verwiesen, die Erich Fromm im Zusammenhang mit dem garantierten Einkommen sieht. Sie ergibt sich ebenfalls aus psychologischen Aspekten und wird deshalb in der Debatte meist übersehen:

Der Gefahr, dass ein Staat, der alle ernährt, zu einer Muttergottheit mit diktatorischen Eigenschaften werden könnte, kann nur durch eine gleichzeitig wirksame Vermehrung demokratischer Verfahren in allen gesellschaftlichen Bereichen begegnet werden.

Der Aufsatz „Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle“ ist als kostenloses ebook bei Open Publishing erhältlich.